Für eine faire fürsorgerische Praxis
/

 

 

Fokus

Warum es den Verein braucht

Die Geschichte der sozialen Institutionen zeigt, dass Entscheidungen von Behörden immer wieder von Vorurteilen und teilweise sehr begrenzten Vorstellung des „Normalen“ mit-bestimmt werden. Dies ist in der Vergangenheit in skandalösem Ausmass geschehen, wie die Schicksale der Verdingkinder, „Kinder der Landstrasse“ oder der „administrativ Verwahrten“ zeigen. Vorurteile und Unverständnis haben damals zu unvorstellbarem Leid von Tausenden von Menschen geführt; das damals erlittene Unrecht wurde erst vor wenigen Jahren anerkannt. Ein noch älteres Beispiel für Handlungen, die von Vorurteilen und Normvorstellungen geleitet wurden und unglaublich viel Leid verursachten, ist der Hexenwahn, dem in der Schweiz Tausende zum Opfer fielen (hls-dhs-dss.ch). 

Körberei Uitikon, Erziehungsanstalt 1937Körberei Uitikon, Erziehungsanstalt 1937

Bis anfangs der 1980er-Jahre wurden Jugendliche und junge Erwachsene ohne Schuldspruch und Gerichtsurteil administrativ versorgt. Die jungen Männer und Frauen wurden zur „Arbeitserziehung“ in geschlossene Anstalten und Gefängnisse eingewiesen, weil sie ein angeblich „liederliches Leben“ führten oder als „arbeitsscheu“ eingestuft wurden. Auch Frauen, denen man beispielsweise einen „lasterhaften Lebenswandel“ unterstellte, wurden weggesperrt, etwa im Frauengefängnis Hindelbank. Weil die administrativrechtlichen Versorgungen der Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention EMRK entgegenstanden, wurde die Praxis 1981 geändert. Vorher hat es scheinbar niemanden interessiert.

Noch länger, nämlich bis weit in die 1980er-Jahre hinein, wurden in der Schweiz Zwangssterilisationen, Zwangskastrationen und Zwangsabtrei-bungen durchgeführt. Das „Einverständnis“ der Betroffenen verschafften sich Behörden und Ärzte oftmals durch Zwang oder Ausübung massiven Drucks. Fürsorgeempfängerinnen wurde etwa mit dem Entzug der Unterstützungsgelder gedroht. Abtreibungen wurde oftmals nur bewilligt, wenn die Frauen gleichzeitig in eine Sterilisation einwilligten. Auch mit der Einweisung in eine Anstalt wurde gedroht.

Psychiatrische Anstalt MünsterlingenPsychiatrische Anstalt Münsterlingen

Ein weiterer Bereich, wo die historische Praxis eine bodenlose Menschenverachtung erkennen lässt, ist der Bereich der experimentellen Medizin. An Hunderten von ahnungslosen Patienten wurden in Schweizer Psychiatriekliniken Medikamente getestet. Die medizinhistorische Aufarbeitung dieser Missbräuche steht erst am Anfang. Das Ausmass, das sich abzeichnet, ist erschreckend: Bis Ende der 1970er-Jahre wurden, mitunter für die Pharmaindustrie, Medikamente an Patienten getestet – selbst an Schwangeren und Kindern. Die Tests fanden unter ethisch höchst fragwürdigen und wissenschaftlich zweifelhaften Bedingungen statt. In den Akten finden sich keine Belege, dass die Versuchspersonen über die Medikamententests informiert worden wären. Viele Opfer dieser aktenkundigen Medikamentenversuche leiden noch heute unter den Folgen dieser massiven Eingriffe in ihre körperliche Integrität."
(Quelle: wiedergutmachung.ch)

Missbräuchliche Entscheidungen gehören aber nicht nur der Vergangenheit an, auch heute werden behördliche Entscheidungen gefällt, die unrechtmässig und auf Willkür basierend Existenzen und Familien zerstören. Es werden immer noch Medikamente ohne Einwilligung verabreicht.

Soziale Institutionen vertreten die Staatsgewalt und haben somit eine Machtfülle, die kontrolliert werden muss. Sie handeln im Auftrag der Bürger und Bürgerinnen: Diese müssen wissen, was in ihrem Namen geschieht; sie haben ein Recht auf Einsicht und Information. Erst dann, wenn Behörden unkontrolliert Macht ausüben, werden schwerwiegende Missstände möglich.

Das Transparenzgebot soll diesen Missständen entgegenwirken und sollte auf alle Bereiche dieser Institutionen angewendet werden, auch auf dem Bereich der für die Betroffenen entstehenden Kosten. Ausserdem sollten Familien und Freunde nicht daran gehindert werden, diejenigen zu unterstützen, die ihnen nahe stehen. Wer allein gelassen wird (oder absichtlich isoliert wird), ist eher einer institutionellen Willkür ausgesetzt.

Der Verein zeme-ig-ffp steht Menschen bei, direkt Betroffene und ihre Angehörigen, die solcher Willkür ausgesetzt sind. Wir machen auf ihre Geschichten aufmerksam und tun was wir können, um die Schäden, die sie erleiden, zu mindern.

Artikel zum Thema: Geschichte der sozialen Sicherheit